"Warum wir immer häufiger ausbrennen."

Immer mehr Menschen leiden unter Ängsten, Zwängen, Depressionen, chronischer Erschöpfung, Müdigkeit, dem Gefühl von Ausgebranntsein.

Aktuelle Studien bei Kindern und Jugendlichen gehen davon aus, dass 20% eines Jahrgangs behandlungsbedürftig sind. Die Anzahl psychosomatisch erkrankter Menschen nimmt jedes Jahr zu. Verantwortlich hierfür sind sicherlich viele Entwicklungen.

Eine zunehmende Reiz- und Informationsüberflutung, die zunehmende Beschleunigung gesellschaftlicher Vorgänge, Mobilität und Isolation, Belastungen am Arbeitsplatz, zunehmende Umweltverschmutzung und, und, und.

Der Burnout, das Ausgebranntsein, ist nicht nur eine Kennzeichnung der Welt von heute, in der Ressourcenausbeutung, Umweltverschmutzung und die Illusion immer währenden Wachstums prägend sind. Burnout ist auch die Bezeichnung für ein Krankheitsbild, welches sich durch ein Gefühl von Sinnlosigkeit, Erschöpfung, Magen-Darm-Probleme, Ängste und weiteren Symptomen, äußert. Als Hauptkriterium gilt heute das Absinken der Herzratenvariabilität, d.h. das Herz kann sich wechselnden Anforderungen des inneren und äußeren Milieus nicht mehr anpassen, der Herzschlag ist monoton und einförmig.

Interessanterweise ist dies ein Phänomen, was wir sonst nur kurz vor dem Tode kennen.

Neuere Forschungsergebnisse verweisen darauf, dass dies mit einer chronischen Überfunktion des Sympathikus – also einem Teil des Nervensystems – in Zusammenhang steht. Dieser ist für Flucht, Angriff, Verteidigung zuständig, d.h. er versetzt den Körper unter Hochspannung, damit dieser in einer schwierigen Lebenssituation weiter funktionieren kann.

Kurz – Burnout heißt, wir leben in innerer Hochspannung, ohne dass wir noch in der Lage sind, auf Veränderungen des äußeren Lebens zu reagieren. Burnout ist nicht nur eine gesellschaftliche Erkrankung, sie ist auch eine individuelle Erkrankung. Oft spielen Faktoren wie anhaltende Ungerechtigkeit am Arbeitsplatz, Konflikte mit Vorgesetzten, Trennungen, langanhaltende familiäre Konflikte eine wesentliche Rolle, wir fühlen nicht mehr sondern wir funktionieren.

Es gilt:

Wer sich nicht gestatten kann, Müdigkeit zu fühlen, ist verurteilt, Erschöpfung zu fühlen.

Wer sich nicht gestatten kann, Erschöpfung zu fühlen, ist verurteilt, Schmerz oder Depression zu  fühlen.

Wer sich nicht gestatten kann, Schmerz oder Depression zu fühlen, wird schwer krank oder bringt sich um.

Eine erfolgreiche psychosomatische Behandlung, also eine Behandlung die den Leib wieder als den Ort von Glück, Zufriedenheit, Sinngebung entdeckt, statt ihn als etwas funktionierendes – dem man vielleicht noch etwas mehr Leistung abgewinnen kann – zu sehen, beinhaltet heute deutlich mehr als die Diskussion einer work-life-balance oder das Erlernen einfacher Entspannungstechniken.

Der Preis einer Burnout-Erkrankung ist lebenslange Achtsamkeit. Wir sind gezwungen, unsere Lebensorientierung zu hinterfragen, uns unserer Kindheitsgeschichte zuzuwenden, in der wir oft heute nicht mehr notwendige oder sogar schädliche Verhaltensweisen, um zu überleben, erlernt haben. Wir sind gezwungen, uns mit den Fragen „Was ist ein liebevoller, heilsamer Umgang mit uns selber und der Welt?“ neu zu betrachten und zu schauen, was wir an Techniken und Gewohnheiten dafür benötigen.

Eine zeitgemäße Behandlung besteht unserer Meinung nach deswegen aus drei gleichberechtigten Bausteinen:

1. Der gesunden Lebensführung, dazu gehören Fragen wie:

  • Wie ernähre ich mich?

  • Wieviel Zeit und Pflege braucht mein Körper?

  • Welche Rolle spielen soziale Kontakte in meinem Leben? Usw.

2. Was habe ich als Kind gelernt, damit ich in der Umgebung, in der ich groß geworden bin, gut funktionieren konnte und welche Verhaltensweisen davon sind heute noch zeitgemäß, welche schaden mir?

Diese ersten beiden sind sicherlich psychotherapeutische Fragen.

3. Welche Verantwortung übernehme ich für mich damit als Teil der Schöpfung? Und für die Schöpfung insgesamt? Wie kann ich mich wieder dem öffnen, dass ich Teil des Lebendigen bin und mit allem Lebendigen verbunden fühle? Dies sind spirituelle Fragen.

Unserer Meinung nach ist stationäre Psychotherapie deswegen für die Bearbeitung eines Burnout-Syndroms besonders geeignet.

a) Ich erlerne neue Techniken der Stressreduktion, einer gesunden Lebensweise und gesunder Beziehung.

b) Ich werde durch vielfältige Anstöße herausgefordert, mich nochmal meinen Kindheitsthemen zu stellen, diese neu zu verarbeiten und zu bewältigen, d.h. ich erwachse aus meiner Kindheit.

c) Ich erlebe eine Gemeinschaft von Menschen, die ebenfalls sich Fragen stellen, neue Wege suchen, sich gegenseitig bestärken, Mut machen und helfen wieder zurück zu einem eigenen Leben – welches vielleicht nicht einfacher, aber gesünder und wahrhaftiger und damit insgesamt lebendiger ist, zurückzufinden. Mit anderen Worten, ich begegne mir und meinen Mitmenschen gegenüber herzlicher und lebendiger, womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären – die Herzratenvariabilität nimmt zu.  

In unserer Simssee Klinik Bad Endorf gehören dazu Einzel- und Gruppentherapie, erlebnisorientierte Therapieformen wie Musik-, Tanz- oder Kunsttherapie, Gruppen in denen wir neue Techniken lernen wie progressive Muskelentspannung, die Ressourcen- oder Fertigkeitengruppe, ebenso Meditationstechniken oder Alltagsachtsamkeit.

„Das Glas ist halb leer oder halb voll.“ Wir sehen in jedem Menschen und in jeder Krise die Chance eines Neubeginns hin zu einem lebendigeren, erfüllteren Leben.

Der Schriftsteller Jonathan Swift sagte einmal „May your live all the days of your life.“ (Mögen die Tage deines Lebens voller Leben sein).

Michael Krüger, Chefarzt Abteilung Psychosomatik Simssee Klinik Bad Endorf (rechts im Bild)

Thomas Rausch. Ltd. Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut (links im Bild)